Erneuter Traktorenaufmarsch in Berlin – Landwirte lassen nicht locker!

Berlin, 27.11.2019

Es ist die pure Existenzangst, die gestern tausende Menschen aus dem landwirtschaftlichen Berufsstand auf die Straßen Berlins getrieben hat. Besonders der Nachwuchs bekommt beim Gedanken an die eigene Zukunft eine berechtigte Gänsehaut. Denn der Fortbestand des Familienbetriebes oder des Arbeitgebers liegt nicht mehr in der eigenen Hand – egal wie viel unternehmerische Fertigkeit in den Genen liegt. Doch was ist der Grund dafür?

Die Zukunftsangst rührt vor allem daher, dass die jüngsten Beschlüsse und Vorgaben der Politik nicht mehr den realen Zuständen auf dem Land entsprechen und somit für die meisten Landwirte beim besten Willen nicht mehr einzuhalten sind. Die Entscheidungen, die die Bauern besonders kritisieren, sind mittlerweile, dank des Engagements vieler Initiativen, Verbände und auch der einzelnen Betriebe, bei den politischen Vertretern aus Bund und Ländern angekommen. Doch das ist aus unserer Sicht nicht genug! Auch die breite Öffentlichkeit soll über die kritischen Zustände, die mittlerweile auf vielen Höfen herrschen, aufmerksam gemacht werden. Schließlich ist sie von dem Ausgang der aktuellen Debatte unmittelbar betroffen. Unser Ziel ist es, unsere Mitbürgerinnen und -bürger transparent über die drohenden Folgen der derzeitigen Agrarpolitik aufzuklären, bevor die Supermarktregale zwangsläufig leer bleiben!

Eine rein ökologisch betriebene Landwirtschaft sollte das Bestreben unserer Gesellschaft sein- ist aber aktuell noch nicht umsetzbar und wird es auch nicht von heute auf morgen sein! Der Konsument stimmt mit den Füßen (an der Kasse) einfach anders ab. Über 60% der Teilnehmer einer jüngsten Umfrage fordern mehr Bio- und Ökolebensmittel; konsumiert werden aber nur 16%. Mehr als die Hälfte der Verbraucher kauft seine Lebensmittel beim Discounter, so die Statistiken.

Ungeachtet der wachsenden gesellschaftlichen Ansprüche der deutschen Bevölkerung an die Landwirtschaft stehen die Bauern in einem internationalen Wettbewerb. Sie exportieren oft einen Teil ihrer Erträge und konkurrieren dort mit anderen Landwirten, die in ihren Ländern nicht an so strenge Auflagen wie die der deutschen Gesetzgebung gebunden sind.

Sollte die deutsche Politik nicht bereit sein, ihren Auflagenkatalog zu lockern, erwarten viele Bauern zumindest einen finanziellen Ausgleich der entstehenden und bereits erstandenen Verluste. Das gilt besonders in Bezug auf die Düngeverordnung und den Pflanzenschutz, wo momentan eine Düngung unter Bedarf und mechanische Maßnahmen auf der Tagesordnung stehen sollen. Auch die zusätzlichen Auflagen beim Gewässerschutz machen vielen Landwirten zunehmend Sorgen, da sie die Nährstoffversorgung ihrer Pflanzen dank der beschränkten Stickstoffdüngung in Gefahr sehen. Zweifellos lassen sich noch viele weitere Beispiele für aus Sicht der Landwirte unüberlegte agrarpolitische Beschlüsse finden, die den Bauern die Arbeit immens erschweren und somit für wirtschaftliche Einbußen sorgen.

Es spielt jedoch nicht lediglich die wirtschaftliche Benachteiligung eine Rolle. Wir fordern eine größere Honorierung unserer Arbeit, die für viele Bürger in der heutigen Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit geworden ist oder auf die im schlimmsten Fall sogar herabgesehen wird. Landarbeit ist hart und für viele heute ein absolutes No-Go, wenn es um die eigene Berufswahl geht. Doch damit unsere Gesellschaft funktionieren kann, ist sie elementar notwendig. Nur wer von seinem erlernten Beruf nicht mehr leben oder seine Familie ernähren kann, ist gezwungen, ihn aufzugeben.

Wir fordern daher seitens der Politik ein größeres Vertrauen in unsere Fachkenntnisse und langjährigen, teilweise sogar generationsübergreifenden Erfahrungswerte, die uns zum Mitreden und Mitentscheiden mehr als berechtigen. Insbesondere der landwirtschaftliche Nachwuchs hat viele Ideen und sieht die Notwendigkeit für Investitionen in die Zukunft. Doch dafür bleibt nur wenig Spielraum, wenn die eigene Existenz auf dem Spiel steht.

Last but not least würden sich viele Landwirte freuen, wenn die an sie gelegten Ansprüche in Sachen Umwelt- und Naturschutz auch im urbanen Kontext zur Pflicht würde; so haben viele Kommunen schon zur Auflage gemacht, Vorgärten nicht mehr mit Kies zuzuschütten und zu versiegeln, sondern dort lebendig Pflanzenbeete anzulegen. Landwirte wissen: deren Pflege macht Arbeit – auf wenigen Quadratmetern Fläche eines Vorgartens wie auf Blühstreifen am Ackerrand.

Gehen wir es gemeinsam an – Bauernbashing nützt nichts, Städterbashing genauso wenig!

Quellen:
https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/zukunftsangst-treibt-landwirte-heute-auf-die-strasse-11917358.html
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/protest-der-bauern-in-berlin-wir-sind-nicht-die-buhmaenner/25268198.html
https://www.tagesschau.de/inland/bauernproteste-109.html